In Berlin war die Widerstandsbewegung während der Zeit des Nationalsozialismus keine Massenbewegung, aber genau sie wurde zum inneren Beweis dafür, dass selbst in einer Atmosphäre des Totalitarismus noch Raum für Entscheidungen blieb. Es war ein hartnäckiger Weg, die menschliche Würde dort zu bewahren, wo sie systematisch zerstört wurde. Die Berlinerin Hilde Coppi gehörte zu denjenigen, die die vom NS-Regime aufgezwungenen Spielregeln nicht akzeptierten und sich bewusst auf die Seite des Widerstands stellten. Zusammen mit ihrem Ehemann Hans war sie Teil der Organisation „Rote Kapelle“, die 1942 von der Gestapo enttarnt wurde. Mehr dazu auf berlinyes.
1933: Das Jahr, das Hildes Leben veränderte

Hilde wurde im Mai 1909 als Betty Gertrud Käthe Rake geboren. Sie wuchs im Berliner Bezirk Mitte auf. Ihre Kindheit war nicht einfach: Der Vater starb, als das Mädchen fünf Jahre alt war, und die Mutter musste fortan für den Lebensunterhalt sorgen. Die Familie betrieb ein kleines Geschäft für Lederwaren und verschiedene Haushaltsartikel, dessen Einnahmen kaum zum Leben reichten. Daher lernte Hilde früh, Verantwortung zu übernehmen, und nahm sich ihre Mutter zum Vorbild.
Im Jahr 1925 trat sie in eine örtliche Handelsschule ein, doch schon nach zwei Jahren musste sie sich dringend eine Arbeit suchen, da das Geschäft verkauft wurde. Sie fand eine Anstellung als Arzthelferin und Sprechstundenhilfe und nahm jede Arbeit an, die ein festes Einkommen sicherte. Abends besuchte sie eine Schule, um ihre Ausbildung abzuschließen.
Wie für viele Deutsche wurde das Jahr 1933 zu einem Wendepunkt im Leben der jungen Frau. Als Hitler die Macht ergriff, veränderte sich die Atmosphäre im Land schlagartig, und die offene Verfolgung politischer Gegner begann. In der Abendschule lernte Hilde Kommunisten kennen, die ihr erklärten, was wirklich vor sich ging und wie die weltpolitische Lage aussah.
Von Gesprächen zum Widerstandsnetzwerk in Berlin
Zunächst war der Nationalsozialismus für Hilde eine „Politik von oben“, die sich im Alltag, in der Stimmung der Menschen und in dem plötzlichen Verschwinden von Bekannten bemerkbar machte. Im Jahr 1940 lernte sie Hans Coppi kennen, was ihr weiteres Schicksal bestimmen sollte. Der Mann hatte bereits Erfahrung im Widerstand: Bis 1933 organisierte er Proteste, und 1934 landete er zum ersten Mal im Konzentrationslager. Damals hatte er das Glück, der Gefangenschaft zu entkommen.
Doch auch danach gab Hans den Versuch, etwas zu verändern, nicht auf und scharte Gleichgesinnte um sich. Zu ihnen gehörte auch Hilde. Von Gesprächen in konspirativen Wohnungen gingen die Widerstandskämpfer allmählich zum Aufbau eines starken Netzwerks über, das Ende 1940 verschiedene Widerstandsgruppen in Berlin miteinander verband. In den Akten der Gestapo wurde diese Organisation als eine der Zellen der „Roten Kapelle“ geführt.
Diskussionen, Flugblätter und Risiko: Wie funktionierte die „Rote Kapelle“?

Anfangs war die „Rote Kapelle“ ein Netzwerk aus Bekanntschaften und Vertrauen, das sich nach und nach aus kleinen Freundeskreisen bildete. Mitte der 1930er Jahre wurden solche Zellen in Berlin gegründet von:
- Arvid Harnack;
- Mildred Harnack;
- John Rittmeister;
- Adolf Grimme.
Ihnen schlossen sich ganz unterschiedliche Menschen an: von jungen Kommunisten bis hin zu städtischen Intellektuellen und Beamten. Mit der Zeit gingen die Aktivisten von Worten zu Taten über. In Berlin tauchten regimekritische Flugblätter auf. Anfang der 1940er Jahre knüpfte eine Gruppe dieses Netzwerks Kontakt zum sowjetischen Geheimdienst. Arvid Harnack und Harro Schulze-Boysen gelang es sogar, Informationen über den geplanten Angriff Deutschlands auf die UdSSR im Jahr 1941 weiterzuleiten. Doch Stalin schenkte diesen Daten keinen Glauben.
Vom Funkspruch zu Massenverhaftungen

Eine ständige Verbindung zu Moskau konnte die Organisation nicht aufbauen. Aber selbst gelegentliche Kontakte reichten aus, um alles zu zerstören. Im Sommer 1942 fing der deutsche militärische Geheimdienst einen Funkspruch ab, in dem Harro Schulze-Boysen mit vollem Namen genannt wurde. Ob dies ein Versehen war oder absichtlich geschah, blieb ungeklärt. Die anderen Mitglieder der Organisation wurden von der Gestapo schnell aufgespürt, 126 Deutsche wurden verhaftet. Alle Beteiligten erhielten Todesurteile oder langjährige Haftstrafen „wegen Spionage und Feindbegünstigung“.
Nach dem Krieg wurde die Geschichte dieses Netzwerks lange Zeit unterschiedlich interpretiert:
- in Westdeutschland wurden sie als Verräter und Agentenring bezeichnet;
- in Ostdeutschland wurde die „Rote Kapelle“ fast als ideales Beispiel für den organisierten antifaschistischen Untergrund stilisiert, wobei die Verbindung zu Moskau hervorgehoben wurde.
Aktuelle Forschungen zeichnen ein deutlicheres Bild: Es war ein Netzwerk, in dem sich die unterschiedlichsten Menschen zusammenfanden: Angestellte, Militärs, Studenten, Ärzte, Künstler. Was sie verband, war keine Ideologie, sondern die Weigerung, sich mit dem neuen Regime abzufinden.
Die Ehe von Hilde und Hans Coppi: Wie der Widerstand zur gemeinsamen Sache wurde
Hilde beteiligte sich aktiv an der Arbeit der „Roten Kapelle“: Sie hörte „Radio Moskau“, das im NS-Staat streng verboten war, notierte die Namen und Adressen von Kriegsgefangenen und leitete diese Informationen an deren Familien weiter. Dies war eine wertvolle Hilfe für diejenigen, die monatelang kein Lebenszeichen von ihren Soldaten erhalten hatten.
Im Jahr 1941 heiratete sie Hans Coppi, und von da an wurde ihr Widerstand zu einer gemeinsamen Aufgabe. Zusammen organisierten sie eine Kampagne gegen die nationalsozialistische Propagandaausstellung „Das Sowjet-Paradies“, die den Deutschen das „wahre Gesicht“ des sowjetischen Feindes zeigen sollte. Sie antworteten mit Plakaten, die die offiziellen Versionen entlarvten und Zweifel unter den Berlinern säten.
Anklagen ohne Chance auf Verteidigung

Im September 1942 wurde das Ehepaar verhaftet. Hilde, die zu diesem Zeitpunkt schwanger war, wurde in das Frauengefängnis in der Barnimstraße gebracht, Hans nach Plötzensee. Die Anklagepunkte klangen für die damalige Zeit typisch: „Vorbereitung zum Hochverrat“, „Feindbegünstigung“, „Spionage“, „Rundfunkverbrechen“.
Hinter diesen Worten stand ein Todesurteil. Im Dezember 1942 wurde Hans durch den Strang hingerichtet. Wenige Tage zuvor durften sie sich ein letztes Mal sehen. Bei dieser Gelegenheit konnte der Mann seinen neugeborenen Sohn – Hans Coppi junior – noch einmal küssen. Es war ein kurzes Treffen, das alles in sich barg: ein Leben, das gerade erst begann, und ein Leben, das bereits endete.
Das Todesurteil für Hilde Coppi: Was danach geschah
Hilde wusste lange Zeit nicht, dass Hans hingerichtet worden war. Im Gefängnis bewahrte sie Ruhe, versuchte, keine Verzweiflung zu zeigen, und lebte vor allem dafür, dass ihr neugeborener Sohn bei ihr war. Der Gefängnispfarrer erinnerte sich an diese Frau als sanft, zart, mutig und völlig selbstlos. Im Januar 1943 wurde die Widerstandskämpferin zum Tode verurteilt.
Das Urteil wurde nicht sofort vollstreckt – man erlaubte ihr, noch acht Monate bei ihrem Sohn zu bleiben und ihn im Gefängnis zu pflegen. Dies war die schwerste Zeit, in der Hilde die Tage bis zu ihrer Hinrichtung zählen musste, aber sie hielt durch. In einem Brief an ihre Mutter schrieb sie, dass nur der kleine Hans sie am Leben halte und der Gedanke an die Trennung von ihm sie in die Verzweiflung treibe. Die Widerstandskämpferin wagte es sogar, ein Gnadengesuch an Adolf Hitler persönlich zu richten, erhielt jedoch nie eine Antwort.
Die Todesliste von Plötzensee

Im August 1943 wurden im Berliner Gefängnis Plötzensee 13 Frauen, die am Widerstand beteiligt waren, mit der Guillotine hingerichtet. Unter ihnen war auch Hilde Coppi, die zu diesem Zeitpunkt 34 Jahre alt war. Wenige Tage vor der Hinrichtung wurde ihr der kleine Sohn weggenommen. Zeugenaussagen zufolge leistete die Frau vor ihrem Tod keinen Widerstand; es schien fast so, als wolle sie diese Welt nun selbst verlassen. Nach der Hinrichtung wurde der Leichnam Coppis an das Anatomische Institut der Universität Berlin übergeben, wo er für medizinische Forschungen verwendet wurde. Dies war damals gängige Praxis bei den Körpern Hingerichteter.
Wie bewahrt Deutschland das Andenken an Hilde und Hans Coppi?

Der kleine Hans Coppi junior hatte Glück. Er wurde nicht in ein Waisenhaus geschickt, sondern den Großeltern väterlicherseits übergeben. Der Junge wuchs in einer Familie auf, in der er geliebt wurde und in der man die Wahrheit nie vor ihm verbarg. Es überrascht nicht, dass Hans den Beruf des Historikers wählte und die Aktivitäten der Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“, der seine Eltern angehörten, zu seinem Forschungsthema machte. In öffentlichen Reden erwähnte Hans Coppi oft, dass er die ersten acht Monate seines Lebens im Gefängnis in der Barnimstraße verbrachte, auch wenn er sich aufgrund seines geringen Alters nicht an diese Zeit erinnern konnte.
Nach dem Krieg gerieten Hilde und Hans Coppi nicht in Vergessenheit. In Deutschland tauchten ihre Namen auf Gedenktafeln, in Straßennamen und an Gedenkstätten auf, die an den Widerstand erinnern. Ihre Geschichte wurde 2024 durch den Kinostart des deutschen Films „In Liebe, Eure Hilde“ (Von Hilde mit Liebe) einem breiteren Publikum bekannt. Trotz der Versuche des NS-Regimes, alle Spuren solcher Persönlichkeiten auszulöschen, sind ihre Namen im öffentlichen Gedächtnis geblieben – als Teil der Geschichte des Widerstands in Deutschland.
Quellen:
- https://historianet.nl/oorlog/tweede-wereldoorlog/zwangere-verzetsvrouw-riskeerde-alles-in-de-strijd-tegen-hitler
- https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/262160/die-rote-kapelle-widerstand-im-ns/
- https://www.bpb.de/themen/nationalsozialismus-zweiter-weltkrieg/dossier-nationalsozialismus/39566/stille-helden/
- https://www.weggum.com/Hilde_Coppi.html