Sonntag, Mai 10, 2026

Pastor gegen Hitler: Die Geschichte von Johannes Schwartzkopff und der Bekennenden Kirche

Die Geschichte des Widerstands gegen den Nationalsozialismus erscheint meist in großen, fast symbolischen Dimensionen – Untergrund, Verschwörungen, berühmte Namen. Doch oft entstand der Widerstand in gewöhnlichen Stadtvierteln, hinter den Mauern von Kirchen und Gemeindehäusern. Im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg entfaltete sich Anfang des 20. Jahrhunderts die wenig bekannte Geschichte des Pastors Johannes Schwartzkopff. Trotz ständigen Drucks und mehrfacher Verhaftungen half er gemeinsam mit anderen Geistlichen der Bekennenden Kirche verfolgten Juden, der Deportation zu entgehen. In diesen Taten liegt nicht nur persönlicher Mut, sondern auch eine Antwort auf die Frage, wie Menschlichkeit in Zeiten aussehen kann, in denen sie zur gefährlichsten Entscheidung wird. Mehr dazu auf berlinyes.

Die Pfarrersfamilie von Johannes Schwartzkopff

Johannes wurde im August 1889 in Wolfsburg in eine Pfarrersfamilie geboren und wuchs in Berlin auf, wohin die Familie später zog. Sein Vater, David Schwartzkopff, diente an der Versöhnungskirche in Berlin-Mitte und arbeitete für die Berliner Stadtmission.

Nach seinem Schulabschluss am Humboldt-Gymnasium in Berlin-Tegel studierte Johannes Theologie in Tübingen, Berlin und Halle. 1911 reiste er nach Istanbul zu einer Konferenz des Christlichen Studenten-Weltbundes und fuhr anschließend nach Griechenland. Es folgten das Predigerseminar der Kirche der Altpreußischen Union in Naumburg am Queis und seine Ordination im April 1914. Seinen Dienst begann Schwartzkopff als Hilfsprediger in Bromberg.

Von der Front nach Güstrow: Wie Schwartzkopff in die Welt Barlachs eintrat

Foto: Skulptur „Der Schwebende“

Während des Ersten Weltkriegs diente Johannes als Militärpfarrer; im Januar 1916 wurde er sogar mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. 1925 wurde er zum Prediger am Güstrower Dom ernannt und unterrichtete zudem Religion an einer örtlichen Schule. Genau zu dieser Zeit lernte er den Bildhauer Ernst Barlach kennen. Ihre Zusammenarbeit begann 1926, als in der Gemeinde über ein Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs diskutiert wurde. Der ursprüngliche Entwurf wirkte wie eine formelle Lösung ohne klare Idee. Schwartzkopff wandte sich an Barlach, und dieser schlug ein eigenes Projekt vor. So entstand die berühmte Skulptur „Der Schwebende“ mit den Gesichtszügen von Käthe Kollwitz. Schwartzkopff unterstützte diese Initiative und vertrat später Barlachs Interessen bei der Vorbereitung zur Aufstellung des Denkmals im Magdeburger Dom.

Kirche und Regime: Der Konflikt von 1933

Foto: Güstrower Dom

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 befand sich Johannes Schwartzkopff unter denjenigen, die begannen, sich dem neuen Kurs im kirchlichen Leben zu widersetzen. Er wurde Mitbegründer des Pfarrernotbundes – einer Vereinigung, die als Reaktion auf die Versuche entstand, die evangelische Kirche der staatlichen Ideologie unterzuordnen. Schwartzkopff wurde verhaftet und wegen „Verleumdung“ des nationalsozialistischen Staates zu vier Monaten Gefängnis verurteilt.

Innerhalb der Kirche selbst bildeten sich damals schnell zwei Lager:

  • die Deutschen Christen – sie unterstützten die Idee, den Protestantismus mit der Nazi-Doktrin zu verbinden;
  • die Bekennende Kirche – sie weigerte sich, jegliche staatliche Einmischung in kirchliche Regeln zu akzeptieren.

Schwartzkopff stellte sich auf die Seite der NS-Opposition, weshalb er seine Stelle als Domprediger in Güstrow verlor. 1937 wurde er an die Immanuelkirche im Prenzlauer Berg versetzt. Diese Ernennung fand zu einer Zeit statt, als kirchliche Ämter nicht nur von internen Entscheidungen abhingen, sondern auch davon, ob Regierungsvertreter eine Person als politisch unbedenklich für das amtierende Regime einstuften.

Die Immanuelkirche und der Widerstand gegen Verfolgungen in Berlin

Die Rückkehr von Johannes Schwartzkopff in die Hauptstadt verschärfte seinen Konflikt mit dem herrschenden System nur noch weiter. Der Pastor ermutigte seine Gemeindemitglieder, sich der Bekennenden Kirche anzuschließen, mied das Thema der Verfolgungen nicht und sprach offen über das Schicksal seines Freundes, des Künstlers Ernst Barlach, dessen Werk und er selbst unter den Druck des Regimes geraten waren. Allmählich begann Schwartzkopff, auch das Thema der Juden und der Christen jüdischer Herkunft hervorzuheben, womit er ein großes Risiko einging. Denn unter den Nazis konnte ein solcher Mut das Leben kosten.

In seinen Predigten bezeichnete Schwartzkopff das Vorgehen gegen Juden als Verletzung der „grundlegenden Gebote der Menschlichkeit“. In der Immanuelkirche taufte und konfirmierte er jüdische Kinder und beriet Neukonvertierte, wie sie sich unter ständiger Überwachung und der Bedrohung durch die neue Regierung verhalten sollten. Formell änderten solche Handlungen nichts an ihrer rassistischen Einstufung nach den Gesetzen des Regimes, aber in der Praxis boten sie oft die Chance, Zeit zu gewinnen und Repressionen oder Deportationen zu entgehen.

Zwischen 1937 und 1939 fanden in der Immanuelkirche jährlich 5 bis 6 Taufen von Kindern jüdischer Herkunft statt, was Schwartzkopff zu einer ständigen Zielscheibe für die Nazis machte. Dennoch gelang es dem Pfarrer, den Fallen zu entgehen, da ein offizielles Verbot von „Judentaufen“ nie eingeführt wurde. Die Gründe dafür konnten moderne Forscher übrigens bis heute nicht klären. Interessant ist, dass zeitgleich mit den Taufen von Juden die Gemeinderäume der Kirche von Vertretern der Hitlerjugend für Elternabende genutzt wurden.

Schwartzkopffs Verhaftungen und die Hilfe für jüdische Familien in Berlin

Foto: Immanuelkirche in Berlin

Bereits wenige Wochen nach seiner Ernennung im Mai 1937 wurde Johannes Schwartzkopff erneut verhaftet und in das Gefängnis Plötzensee gebracht. Die formellen Anklagen blieben unverändert: „böswillige Angriffe auf Staat und Regierung“. Doch jedes Mal endeten die Verfahren mit einem Freispruch, was die Spannung zwischen der kirchlichen Haltung und dem staatlichen Druck nur noch unterstrich.

Mit der Verschärfung der Judenverfolgung begann Schwartzkopff zusammen mit seiner Frau Helene, betroffenen Bürgern seiner Gemeinde mit Lebensmittelkarten und Geld zu helfen. Es ist erwähnenswert, dass sich damals unter den Geistlichen verschiedene Formen des verborgenen Widerstands bildeten; Verfolgte wurden auch in der benachbarten katholischen Herz-Jesu-Kirche versteckt.

Schwartzkopff: Zwischen Hilfeleistung und staatlichen Verboten

Foto: Schwartzkopff im Kreis von Geistlichen

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nahmen der Pastor und seine Unterstützungsgruppe zusätzlich junge Männer und Frauen aus Mecklenburg auf und versteckten sie vor den Nazis. Im Jahr 1947 trat Schwartzkopff in den Kreis der Kirchenleitung ein, als außerplanmäßiger Konsistorialrat und Mitglied des Evangelischen Oberkirchenrates Berlin. Zu seinen Aufgaben gehörte unter anderem die Bahnhofsmission, also die Flüchtlingshilfe. Diese Arbeit setzte er übrigens bis 1956 fort, bis eine solche Tätigkeit in der DDR verboten wurde.

Letzte Lebensjahre und das Gedenken an den Pastor des Widerstands

Im Januar 1958 trat Schwartzkopff in den Ruhestand und zog nach West-Berlin. Er verstarb im Juni 1968 und hinterließ nicht nur eine kirchliche Biografie, sondern auch eine komplexe Geschichte der Beteiligung an den Konflikten des 20. Jahrhunderts: von der NS-Zeit bis zur Neuinterpretation der Erinnerungskultur nach dem Zweiten Weltkrieg.

Dem Wirken von Johannes Schwartzkopff widmeten folgende Autoren ihre Werke:

  • Jonas Herms – „Mit Kraft und Licht gegen den bösen Geist der Zeit. Das Leben von Pfarrer Johannes Schwartzkopff“, erschienen 2012;
  • Mark Pockrandt – „Die Immanuelkirche Prenzlauer Berg. Kirchliches Leben seit 1893“, veröffentlicht 2018.

Im Jahr 2018 wurde auf dem Gelände der Immanuelkirche in Berlin feierlich eine Gedenktafel zu Ehren des Berliner Pastors enthüllt, die ihn als ehemaligen Oberkonsistorialrat würdigte. Doch im menschlichen Gedächtnis bleibt Schwartzkopff vor allem als führende Persönlichkeit der Bekennenden Kirche und als Geistlicher in Erinnerung, der der Immanuelgemeinde aufrichtig diente. Und der standhaft blieb – trotz des massiven staatlichen Drucks und der tiefen Widersprüche im Aufeinanderprall von Glaube und staatlicher Ideologie.

Quellen:

  1. https://www.loky.news/pfarrer-schwartzkopff-immanuelkirche/
  2. https://www.immanuelgemeinde.de/kirche/gedenktafel
  3. https://prenzlberger-stimme.net/
  4. https://beta.crossroads-berlin.com/event/geh-zu-pfarrer-schwartzkopff/
  5. https://www.gedenktafeln-in-berlin.de/gedenktafeln/detail/johannes-schwartzkopff/3257
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