Montag, Februar 23, 2026

Wie Berlin den Ersten Weltkrieg erlebte

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Berlin eine blühende Metropole mit dem Anspruch, eine der bedeutendsten Hauptstädte Europas zu werden. Doch zwei Weltkriege erschütterten die Stadt zutiefst und verwandelten sie beinahe in ein Trümmerfeld. Neue Epochen und neue Menschen bauten Berlin wieder auf – doch es war nicht mehr dasselbe. In diesem Artikel werfen wir einen Blick darauf, wie Berlin vor und während des Ersten Weltkriegs lebte. Mehr auf berlinyes.eu.

Die Stimmung in Berlin vor dem Krieg

Das historische Berlin des Jahres 1913 oder 1914 sieht kaum noch aus wie das, was wir heute kennen.

Damals fuhren elektrische Straßenbahnen über die Prachtstraße Unter den Linden, Cafés luden zum Verweilen ein, noble Hotels empfingen Gäste aus aller Welt. Man konnte hier berühmte Persönlichkeiten wie Charlie Chaplin oder Albert Einstein antreffen.

Auf den eleganten Boulevards flanierten Damen in feiner Garderobe.

Berlin war ein Ort der Gegensätze. Kurz vor dem Ausbruch des Krieges herrschte ein eigenartiger Mix aus Euphorie und Unruhe. Bürgerliche wie Adlige fühlten, dass etwas Großes bevorstand. Ob es Gutes oder Schlechtes war – das konnte niemand sagen. Die militärische Propaganda war allgegenwärtig, und 1914 glaubte die Mehrheit der Menschen, dass der Wandel zum Besseren führen würde.

Kaiser Wilhelm II. hoffte, durch den Krieg seine Untertanen unter dem Banner der nationalen Einheit zu vereinen. Am 4. August – kurz vor Kriegsbeginn – verkündete er, dass er keine Parteien mehr kenne, sondern nur noch Deutsche.

In den Cafés und Restaurants wurden patriotische Lieder gespielt. Überall wehte der Geist eines vermeintlichen Triumphs – obwohl die Realität des Krieges ganz anders aussah. Zeitzeugenberichte zeigen, wie sogar Intellektuelle den Krieg wie ein Fest begrüßten. Nur die einfachen Leute ahnten, dass das Grauen vor allem sie treffen würde.

1914 erschien Berlin wie eine moderne Hauptstadt eines mächtigen Reichs. Doch hinter der Fassade herrschten Zweifel und Zwietracht.

Die Warner vor der Katastrophe

Bereits Jahre vor Kriegsbeginn warnte August Bebel im Reichstag vor den Folgen eines leichtfertigen außenpolitischen Kurses. Als Mitbegründer der SPD war er überzeugt: Deutschlands imperialer Ehrgeiz würde in eine Katastrophe führen.

Er prophezeite, dass Millionen Männer – der „Blütenstaub der Nationen“ – gegeneinander in den Krieg ziehen würden. Und dass dieses Vorhaben tragisch scheitern werde.

Als im Reichstag Gelächter aufkam, entgegnete er:

„Sie lachen über meine Worte – aber Sie begreifen nicht, dass dieser Krieg Hunger, Trauer und Elend bringen wird.“

Tatsächlich gab es im Parlament und in der Bevölkerung nur wenige, die statt eines Sieges den Untergang vorhersahen. Die Mehrheit ignorierte diese Stimmen – geblendet vom Traum vom Ruhm.

Die Last des Krieges

Berlin wurde während des Ersten Weltkriegs zum Zentrum politischer Entscheidungen, sozialer Spannungen und wirtschaftlicher Mobilisierung.

Ab August 1914 zogen patriotische Demonstrationen durch die Straßen. Die Bevölkerung wurde zur Unterstützung der Armee aufgerufen. Doch der Krieg brachte weder Ehre noch Stolz – sondern eine Last, die viele Berliner nicht tragen konnten.

Berlin spielte eine Schlüsselrolle in der militärischen Organisation. Von hier aus wurden Soldaten an die Front geschickt, hier saßen Ministerien und Großbetriebe. Die Rüstungsindustrie – etwa Krupp und Siemens – lief auf Hochtouren. Doch der Krieg verschlang Ressourcen, der Mangel an Grundversorgung wurde spürbar. Schon 1915 kam es in der Stadt zu ersten Lebensmittelengpässen.

Gesellschaftlich veränderte sich Berlin rasant. Junge wie ältere Männer wurden eingezogen, während Frauen zunehmend in Fabriken und Behörden arbeiteten. Viele von ihnen übernahmen Berufe, die vorher Männern vorbehalten waren.

Mütter, Schwestern, Ehefrauen übernahmen nicht nur Arbeitsplätze, sondern engagierten sich auch politisch, organisierten Treffen und halfen freiwillig in sozialen Einrichtungen.

Krankenhäuser wurden für die Versorgung von Kriegsverwundeten umfunktioniert. Berlin nahm Tausende Kriegsversehrte auf – das Sozialsystem war überfordert. Die Berichte von der Front waren erschütternd. Angst, Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit machten sich breit.

Größenwahn und imperialer Ehrgeiz

Mit dem Krieg lag die Macht in den Händen von Kaiser Wilhelm II. und seinem Oberkommando. Berlin war das politische Herzstück – hier wurden zentrale Entscheidungen getroffen.

1917 war der patriotische Überschwang verflogen. Nach drei Jahren des Leidens wuchs der Unmut. Die wirtschaftliche Krise führte zu offenen Protesten. In Berlin forderten Kritiker des Regimes Reformen. Streiks breiteten sich aus – sie wurden zum Vorboten der Revolution, die im November 1918 das Ende der Monarchie einläutete.

Berlin war das Epizentrum der Unruhen. Der Kaiser verlor seine letzte Unterstützung. Besonders seine Rolle beim Kriegsausbruch verdient Aufmerksamkeit: Nach dem Attentat in Sarajevo nutzte Wilhelm II. die Gelegenheit, seine imperialen Ziele zu verfolgen.

In einem Treffen mit dem österreichisch-ungarischen Botschafter sicherte er volle Unterstützung zu. Aus einstigen Opfern wurden nun Aggressoren – und Mitverantwortliche für den Krieg.

Der Größenwahn der Monarchen kannte keine Grenzen. Für Wilhelm II. war ein Krieg gegen Frankreich und Russland nicht genug. Der Konflikt eskalierte zum Flächenbrand.

Historiker sehen auch in der allgemeinen Militarisierung Europas einen Auslöser des Weltkriegs. Das Wettrüsten war längst in vollem Gange.

Während des Krieges überließ der Kaiser seinen Generälen das Feld. Widerspruch? Kaum. Kompromisse mit den Gegnern? Undenkbar. Es ging um den imperialen Triumph – koste es, was es wolle. Doch 1918 musste Wilhelm erkennen: Der Krieg war verloren.

Berlin stand am Abgrund. Im November brach die Revolution aus, Wilhelm musste abdanken. Die Stadt versank im Chaos. In Compiègne wurde der Waffenstillstand unterzeichnet – der Erste Weltkrieg war vorbei.

Ein kriegsmüdes Berlin

In diesen Jahren durchlebte Berlin Euphorie, Patriotismus, Hunger, Spaltung und wirtschaftliche Not. Die Stadt, einst voller Hoffnung, blieb traumatisiert zurück. Der Krieg hatte tiefe Wunden hinterlassen.

Zwei Jahrzehnte später sollte ein noch grausameres Kapitel folgen. Doch dazu mehr in einem unserer nächsten Artikel.

.......