Jede Stadt hat ihre Symbole, und das sind nicht nur architektonische Schmuckstücke, sondern auch die Verkörperung des Nationalgeistes, seines Schmerzes, seiner Triumphe und Hoffnungen. In Berlin wurde das Brandenburger Tor zu einem solchen Symbol – ein monumentaler Bogen auf dem Pariser Platz, der sowohl die Größe als auch die Zerstörung und den Wiederaufbau der Stadt miterlebt hat. Im 21. Jahrhundert kommen Touristen aus aller Welt hierher, um sich vor den Granitsäulen fotografieren zu lassen, die schlichte Feierlichkeit der neoklassizistischen Fassade zu bewundern und an ferne historische Ereignisse zu erinnern. Denn im Mai 1945 wurde dieses Tor nicht nur zu einem architektonischen Denkmal, sondern auch zu einem Symbol des Sieges über den Nationalsozialismus. Und zum ersten Mal in der deutschen Geschichte nannten Korrespondenten von Weltzeitungen ein ukrainisches Mädchen – die Unteroffizierin Lidia Spiwak aus der Region Donezk – die Herrin des Brandenburger Tores. Sie hatte die Hölle des Krieges durchlebt und stand nun auf Posten Nr. 1, direkt am Tor der Geschichte. Mehr dazu auf berlinyes.
Triumph und Schatten der Reiche unter dem Bogen Berlins
An der Wende zum 18. Jahrhundert, als Europa noch zwischen dem Zeitalter der Aufklärung und imperialen Ambitionen schwankte, beschloss der preußische König Friedrich Wilhelm II., etwas Größeres als einen gewöhnlichen Bogen zu errichten – ein Symbol für Frieden, Stärke und Einheit. So entstand am westlichen Rand Berlins das Bauwerk, das später zum Herzen der Stadt werden sollte – das Brandenburger Tor. Der Architekt Carl Gotthard Langhans, inspiriert von der Harmonie und Feierlichkeit der Athener Akropolis, schuf ein architektonisches Juwel, das den Beginn des Berliner Neoklassizismus markierte. Die ursprüngliche Idee, das Tor zu einem Symbol des Friedens zu machen, schien edel, doch die Realität schlug eine andere Seite auf.
Das Brandenburger Tor wurde zum stummen Zeugen der Märsche von Eroberern. Genau hier zog 1806 Napoleon mit seiner französischen Armee in die Stadt ein, später marschierten die Sieger des Deutsch-Französischen Krieges. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts nutzte Hitler es für seine ideologischen Paraden und machte das Tor zur Kulisse für Kundgebungen, die die „Größe der Nation“ demonstrieren sollten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Brandenburger Tor zu einem Geist des Dritten Reiches und mit dem Bau der Berliner Mauer zu einem Symbol des geteilten Deutschlands, erstarrt zwischen zwei Welten: West und Ost. 1989, mit der Wiedervereinigung des Landes, wurde das Brandenburger Tor endlich zum Tor des Friedens und ist es bis heute geblieben.
Die Jugend der künftigen Herrin des Brandenburger Tores
Lidia Spiwak wurde 1925 im Dorf Tschernihiwka in der Oblast Saporischschja geboren. Sie absolvierte neun Schulklassen und träumte davon, Lehrerin zu werden. Doch dann brach der Zweite Weltkrieg in ihr Leben ein. Ihr Heimatdorf wurde von rumänischen Truppen besetzt. Anfangs verhielten sich die Besatzer zurückhaltend, doch Anfang 1943, als sich die Lage an den Fronten zuungunsten des Dritten Reiches änderte, begannen sie, Menschen nach Deutschland zu verschleppen. Lidias Vater baute im Garten ein Versteck für seine Tochter und ihre Freundin. Nahrung und Wasser reichte er ihnen durch ein in den Büschen getarntes Lüftungsrohr.
Als das Dorf von sowjetischen Truppen befreit wurde, meldeten sich die ehemaligen Gefangenen sofort als Freiwillige. Nach einer Schnellausbildung zur Verkehrsreglerin in Bataisk kamen sie an die Front. Die erste Feuertaufe für die Neuntklässlerin war die Krim. Lidia musste stundenlang unter Beschuss auf den Straßen stehen und ihre Fähnchen fest umklammern. Sie leitete Lastwagen mit Munition und Kolonnen von Militärfahrzeugen, arbeitete bei strömendem Regen und unter der sengenden Sonne. Nachts weinte sie heimlich vor Schmerzen in den Beinen und im Rücken, vor Erschöpfung und Angst. Ihre Freundin, mit der sie sich im Garten versteckt hatte, fiel bei Simferopol. Lidia hatte Glück – sie kam mit einer Gehirnerschütterung davon.
Ein Mädchen auf dem Weg zum Reichstag

Nach Berlin kam Unteroffizierin Spiwak mit den Truppen der 1. Weißrussischen Front. Sie überlebte die heftigen Kämpfe um die Hauptstadt. Als Nazi-Deutschland kapitulierte, wurde Lidia zum legendären Brandenburger Tor auf Posten Nr. 1 gebracht und angewiesen, dort zu „wachen“. Und das tat sie. Ein zierliches Mädchen im Staub, inmitten des Lärms von Panzerfahrzeugen, kontrollierte die Straßen nur mit ihren Fähnchen. Für viele Soldaten wurde genau diese junge Verkehrsreglerin zum Symbol des Sieges über den Nationalsozialismus. Lastwagen rollten an ihr vorbei, Batterien zogen vorüber. Später erinnerte sich Lida, dass Soldaten oft anhielten und fragten, wo sie sich zur Erinnerung an den Sieg eintragen könnten. Und sie antwortete – kurz, selbstbewusst, mit einem Lächeln, ohne sich vom Verkehr ablenken zu lassen. Ihre Gesten waren präzise wie bei einem Tanz. Nicht umsonst nannten die Frontsoldaten die Verkehrsreglerinnen „Balletttänzerinnen des Krieges“.
Und dann kam Potsdam. Nach dem großen Krieg folgte die große Politik. Am Vorabend der Konferenz erhielten die Mädchen neue Uniformen aus Offiziersstoff und wurden zum Friseur geschickt. Lida erinnerte sich ihr Leben lang an den Tag, als sie am Brandenburger Tor stand und die Autos von Schukow, Churchill, Truman und Eisenhower an ihr vorbeifuhren. Ihr Posten befand sich direkt am Palast, wo über das Nachkriegsschicksal der Welt entschieden wurde. Alle Alliierten kamen auf demselben Weg, nur Stalin nahm einen anderen. Vielleicht nicht aus ideologischen Gründen, sondern aus Prinzip.
Die Verkehrsreglerin des Krieges

Später erinnerte sich Lidia, dass sie an diesem Tag sehr aufgeregt war, ihre Hände und Beine zitterten. Sie sagte, sie sei nicht sicher gewesen, ob sie überhaupt etwas sagen könnte, falls einer der großen Männer sie ansprechen würde. Aber es geschah nichts. Die Staats- und Regierungschefs lächelten dem hübschen Mädchen aus dem ukrainischen Dorf nur zu. Nur Churchill lehnte sich aus dem Fenster, hob die Hand und zeigte zwei gespreizte Finger – das berühmte „V“. „Victoria! Sieg!“ – für alle Frontsoldaten, für die auch Lida ein Teil dieses Sieges geworden war.
Natürlich wurde ihr junges, ruhiges und konzentriertes Gesicht von Korrespondenten aus verschiedenen Ländern festgehalten. Fotos der Verkehrsreglerin vom Brandenburger Tor wurden in sowjetischen Zeitungen, ausländischen Publikationen und auf Frontpostkarten gedruckt. Die Journalisten nannten Lida nicht nur die Herrin des Brandenburger Tores, sondern auch die Brandenburger Madonna und die Ballerina der Front.
Wie der Ruhm sie einholte

Im September 1945 wurde Lidia Spiwak demobilisiert. Sie holte die Prüfungen für die 10. Klasse nach und schrieb sich an der Pädagogischen Universität ein. Dort lernte sie ihren zukünftigen Ehemann, den Frontsoldaten Sergij Owtscharenko, kennen. Das Mädchen erfüllte sich ihren Traum – sie wurde Lehrerin für ukrainische Sprache und Literatur. Mit ihrer Familie ließ sie sich in Donezk nieder. Für ihre herausragenden Leistungen bei der Arbeit wurde ihr Foto in einer Regionalzeitung veröffentlicht, und die Menschen erkannten die Verkehrsreglerin aus Berlin von der Front wieder. Von da an begann ihr Name ein eigenes, populäres Leben zu führen. Aus der ganzen Sowjetunion und sogar aus dem Ausland erhielt Lidia Hunderte von Briefen, die meisten davon einfach adressiert an: „Donezk. An die Herrin des Brandenburger Tores“. Und sie kamen an.
Über Lidia Spiwak wurde viel in den Zentralzeitungen geschrieben, und es wurden Dokumentarfilme gedreht. Ihr riesiges Frontfoto erschien zum 30. Jahrestag des Sieges erneut in Berlin, wie ihr Waffenbrüder berichteten. Doch der Krieg hatte seine schrecklichen Spuren hinterlassen. Lidia erlitt 11 Herzinfarkte, den 12. überlebte ihr Herz nicht mehr. Die ehemalige Verkehrsreglerin starb 1984, doch die Briefe an sie kamen noch fünf weitere Jahre an. Das Bild des Mädchens, das an der Schwelle der Ruinen mit nur zwei Fähnchen Ordnung im Chaos schaffen konnte, wurde lange Zeit nicht nur in den Museen ihres Heimatdorfes Tschernihiwka und im Heimatkundemuseum von Donezk aufbewahrt, sondern auch im deutschen Magdeburg.
Erinnerung gegenüber dem historischen Tor

Die Geschichte von Lidia Spiwak ist nicht nur ein Fragment des großen Krieges. Es ist ein menschliches Schicksal, gewebt aus Schmerz, Pflicht, Liebe und der Stille, die nach dem Donner der Kanonen kommt. Dieses Mädchen strebte nicht nach Ruhm, sie erfüllte nur ehrlich ihre Pflicht. Sie suchte keine Anerkennung, sondern lebte einfach, zog Kinder auf, unterrichtete Schulkinder und trug die Last des Krieges in sich. Die Erinnerung an die junge Verkehrsreglerin Lidia Spiwak lebt in Fotos und erhaltenen Briefen weiter, die an die Herrin des Brandenburger Tores adressiert waren, sowie in den Zeilen der Wikipedia. Und manchmal, im 21. Jahrhundert, wenn die Sonne über dem Pariser Platz untergeht und der Schatten des Brandenburger Tores auf das Pflaster von Berlin fällt, taucht dort, in der Erinnerung der Zeit, manchmal wieder die Gestalt eines zierlichen Mädchens mit Fähnchen in den Händen auf. Eine Gestalt, die nicht nur in die Geschichte Berlins, sondern in die Ewigkeit eingegangen ist.
