Wenn man an die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs denkt, taucht im kollektiven Gedächtnis unweigerlich ein zentrales Bild auf: die Flagge auf dem Reichstag als Symbol für den Zusammenbruch des Dritten Reiches. Forscher sind überzeugt, dass die Idee, ein Banner über dem Sinnbild der deutschen Staatlichkeit zu hissen, von Josef Stalin stammte. Und genau mit dieser Geste begann die lange und verworrene Geschichte von Wahrheit, Mythen und politischen Konstrukten rund um das sogenannte Banner des Sieges. Mehr dazu auf berlinyes.
Bereits am 2. Mai 1945 hielt der sowjetische Fotograf Jewgeni Chaldej den Schlussakkord der Schlacht um Berlin fest – eine Aufnahme, die später zu einem der berühmtesten Symbole des 20. Jahrhunderts wurde. Doch hinter dieser „Ikone“ des Sieges verbarg sich eine weitaus komplexere Realität. Die Geschichte begann sich in viele Schichten aufzuteilen: Wie viele dieser Flaggen gab es wirklich? Warum wurde gerade der Reichstag als Hauptbühne für diesen symbolischen Triumph gewählt? Wer erreichte zuerst das Dach, und warum änderten sich die Namen der Helden im Laufe der Zeit?
Das Flaggenrennen: USA vs. UdSSR

Die Idee einer symbolischen Geste, die für immer in die Geschichte eingehen sollte, reifte in Moskau nicht sofort heran. Historiker vermuten, dass der Anstoß dafür im Februar 1945 stattfand, als ein Foto aus Iwojima um die Welt ging: US-Marines hissen ihre Flagge auf dem Mount Suribachi. Dieses Bild wurde augenblicklich zu einem globalen Symbol. Es wurde in Zeitungen massenhaft verbreitet und wirkte als konzentrierte Propaganda für die Stärke, Ausdauer und den Sieg der USA im Pazifik. Im Kreml verstand man die Macht solcher Bilder nur zu gut. Josef Stalin erkannte, wie sich eine neue Mythologie des Krieges formte, in der die Vorherrschaft nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch im Raum der Symbole entschieden wurde. Da Amerika bereits sein großes Siegesfoto hatte, brauchte die UdSSR ihr eigenes – ein noch epischeres und überzeugenderes Bild.
Vor diesem Hintergrund wurde der Reichstag zur idealen Bühne für den Schlussakt. Das Erscheinen einer amerikanischen Flagge dort wäre für die sowjetische Führung eine politische Katastrophe gewesen. Ein solches Szenario hätte den Anspruch der UdSSR auf die Hauptrolle beim Sieg über den Nationalsozialismus zunichtemachen können. Genau aus diesem Grund wurde am 9. April 1945 während eines Treffens der politischen Führer der 1. Weißrussischen Front bei Landsberg beschlossen: Jede Armee, die auf Berlin vorrückt, muss eigene rote Flaggen vorbereiten, um sie auf dem Reichstag zu hissen. In der 3. Stoßarmee beschloss man, sich nicht auf das Minimum zu beschränken, und ordnete die Anfertigung von gleich neun Bannern an – entsprechend der Anzahl der Divisionen. Sie wurden in Eile aus rotem Stoff genäht, der in deutschen Geschäften gefunden wurde. Auf die Frage, wo genau dieses Symbol des Sieges wehen sollte, war die Antwort kurz und kategorisch: Nur auf dem Reichstag, denn so hatte es Stalin entschieden.
Was geschah auf dem Dach des Reichstags?

Am 26. April 1945 kreuzte die rote Flagge Nr. 5 den Weg der großen Geschichte. Der Kommandeur der 150. Division, Wassili Schatilow, übergab sie dem Stab des 756. Schützenregiments, wo sie neben der Regimentsfahne aufbewahrt wurde und durch nichts Besonderes auffiel. Bis zum Morgen des 1. Mai, als der Kampf um den Reichstag praktisch beendet war, wurde dieses Banner noch nicht in Echtzeit zum Symbol. Seine Bedeutung formte sich erst später, als man begann, die Ereignisse nicht nur zu dokumentieren, sondern auch zu interpretieren. Der eigentliche Sturm verlief hingegen weitaus chaotischer: Nach dem dritten Angriff, der am Abend des 30. April begann, brachen sowjetische Einheiten gegen 22:00 Uhr auf das Dach des Gebäudes durch.
Als Erste hissten die Soldaten einer Sturmgruppe unter dem Kommando von Hauptmann Nikolai Makow eine rote Flagge. Dies geschah um 22:40 Uhr auf der Skulptur „Germania“, die sie unter feindlichem Beschuss erreichen konnten, obwohl ursprünglich ein anderes Ziel geplant war. Später wurde direkt daneben ein weiteres Banner befestigt, das von der Gruppe unter Major Michail Bondar gebracht wurde. Beide Flaggen waren improvisiert – ohne Nummern und ohne offiziellen Status.
Die Sturmflagge Nr. 5, die schließlich als das Banner des Sieges in die Geschichte einging, wurde von den Sergeanten Michail Jegorow und Meliton Kantaria in die Kampfzone gebracht. Genau sie befestigten das Banner in der Nacht zum 1. Mai 1945 an der Skulpturengruppe Kaiser Wilhelms. Am 2. Mai, nachdem die heftigen Kämpfe direkt im und um den Reichstag beendet waren, wurde die Flagge dann auf die Kuppel verlegt.
Die Geschichte eines weiteren Mythos rund um das Siegesbanner

Kein einziges Hissen der Flagge auf dem Reichstag wurde in Echtzeit fotografisch festgehalten. Alle bekannten Fotos waren sorgfältig inszenierte Nachstellungen. Die berühmteste Aufnahme stammte vom TASS-Fotokorrespondenten Jewgeni Chaldej, der sich bestens vorbereitet hatte: Schon vor seiner Ankunft in Berlin nähte er aus roten Tischdecken mehrere Flaggen, um die passenden Requisiten zur Hand zu haben. Vor Ort stellte er die Szene dann nach und bezog dafür folgende Soldaten ein:
- Alexei Kowaljow;
- Abdulchakim Ismailow;
- Leonid Goritschew.
Ein besonders wichtiges Detail: Keiner von ihnen war am tatsächlichen Sturm auf das Gebäude oder am Hissen der Flagge beteiligt. Es ging lediglich um die Nachstellung der Szene für die Kamera – nach heutigen Maßstäben war es ein klassisches Fotoshooting mit Models. Dennoch wurde genau dieses Foto im Laufe der Zeit als ein unwiderlegbares Zeitdokument wahrgenommen, das die eigentliche Realität schlichtweg ersetzte.
Rauch über dem Reichstag: Zufall oder Montage?

Die Historikerin Hanna Hohmuth vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam erklärte, dass dieses Bild nur ein Teil einer umfassenderen Serie war, die Chaldej am selben Tag in Berlin aufnahm. Er arbeitete an mehreren Orten:
- am Brandenburger Tor;
- am Flughafen Tempelhof, wo noch der bronzene Nazi-Adler auf dem Gebäude thronte.
An jedem dieser Orte wiederholte sich dieselbe visuelle Geste: Sowjetische Soldaten hissten eine rote Flagge und formten so das unverkennbare Bild vom Ende des Krieges. Zugleich betonte sie, dass diese Bilder nicht unbearbeitet blieben. Auf einem der Fotos über dem Brandenburger Tor tauchte plötzlich Rauch auf, obwohl die Kämpfe in der Stadt zum Zeitpunkt der Aufnahme längst vorbei waren. Dies erzeugte die Illusion, das Bild sei mitten im Eifer des Gefechts entstanden. Und hier, so unterstrich die Forscherin, gibt es eine vielsagende Nuance: Der Rauch stieg genau aus dem Bereich der Reichskanzlei auf, unter der sich Hitlers Bunker befand – der symbolische Kern der NS-Macht. Ein solches Detail war ein gezielt gesetzter visueller Akzent, der den gewünschten historischen Eindruck massiv verstärkte.
Plünderung im Bild: Was die Fotos verbargen?

Hanna Hohmuth wies auf eine weitere, nicht weniger bezeichnende Episode im Umgang mit dem Bild des Sieges hin, die sich bereits im kleinsten Detail zeigte. Auf den meisten Negativen von der Filmrolle, die in Chaldejs Privatarchiv aufbewahrt wurden, ist die Figur des Soldaten, der den Fahnenträger stützt, sehr deutlich zu erkennen. Und genau dieses in der Dynamik der Szene fast unsichtbare Detail wurde Gegenstand eines gezielten Eingriffs: An beiden Handgelenken des Soldaten befand sich jeweils eine Armbanduhr.
Chaldej selbst erinnerte sich später daran, dass er diese Bilder am nächsten Tag in eines der wichtigsten sowjetischen Informationszentren – die Agentur TASS – brachte. Die Reaktion des Fotoredakteurs war sofort und absolut kategorisch: Solche Aufnahmen dürfen nicht veröffentlicht werden. Das Argument war ebenso einfach wie hart: Mehrere Uhren an den Armen eines einzigen Soldaten sind ein klarer Beweis für Plünderung. Selbst in den Moskauer Redaktionsbüros wusste man sehr wohl, dass eine solche Kleinigkeit das mühsam aufgebaute Image komplett ruinieren konnte. Einer Version zufolge wurden die Uhren am Arm durch Retusche entfernt, einer anderen zufolge wurden alternative Fotos für die Publikation ausgewählt.
Mythos und Realität auf den Fotos des Reichstags

Die Historikerin Hanna Hohmuth betonte, dass solche Bilder weniger einen konkreten Moment festhielten, sondern vielmehr dessen gewaltige symbolische Bedeutung. Ihrer Meinung nach war dies ein visuelles Symbol für das Ende des Krieges – ein Bild, das nicht nur den Fall des Dritten Reiches vermitteln sollte, sondern auch die Befreiung Europas vom Nationalsozialismus und seinem politischen System. Wie genau diese Szenen inszeniert und fotografiert wurden, zeigt eindrucksvoll, wie wichtig damals nicht der tatsächliche Ablauf der Ereignisse war, sondern deren richtige Wahrnehmung durch das Bild.
Gleichzeitig hob Hohmuth einen weiteren entscheidenden Punkt hervor: Historische Fotografien bedürfen einer äußerst vorsichtigen und kritischen Analyse. Was der Betrachter als unwiderlegbaren dokumentarischen Beweis wahrnimmt, ist ihren Worten zufolge sehr oft das Ergebnis von Inszenierung, gezielter Auswahl oder nachträglicher Bildbearbeitung. Daher sollte kein einziges dieser Bilder einfach mit der historischen Realität gleichgesetzt werden. Im Gegenteil, sie erfordern eine genaue Untersuchung – als eine komplexe Quelle, in der Fakten, Interpretation und politische Absichten eng miteinander verwoben sind. Genau aus diesem Grund, so betonte die Forscherin, beginnt die Arbeit moderner Historiker mit Kriegsfotografien niemals mit blindem Vertrauen, sondern stets mit gesundem Zweifel.
Quellen:
- https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2025/05/2–mai-reichstag-flaggenhissung-foto-ikonisch-chaldej-kriegsfoto.html
- https://www.mdr.de/geschichte/ns-zeit/zweiter-weltkrieg/1945/siegesparade-moskau-fuenfundvierzig-100.html
- https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article158067273/Siegesparade-1945-Stalins-spektakulaere-Demuetigung-der-Wehrmachtsfahnen.html