Am 1. Oktober 1920 geschah es: Berlin wurde plötzlich zur drittgrößten Stadt der Welt. In dieser Zeit vereinte sich Berlin mit den umliegenden Gemeinden und Städten und bildete die Metropole, wie wir sie heute kennen. Adolf Wermuth gilt als der vergessene Vater des Groß-Berlin. Mehr über das Leben des reformfreudigen Bürgermeisters erfahren Sie auf berlinyes.eu.
Die Mission von Adolf Wermuth

Adolf Wermuth war erst 57 Jahre alt, als er seinen neuen Weg einschlug. Geboren wurde er 1855 in Hannover. Sein Vater war Regierungspräsident, und die königliche Familie von Hannover war regelmäßiger Gast in ihrem Haus. Wermuth studierte in Göttingen und wurde 1882 in die Reichskanzlei in Berlin berufen. Er war verantwortlich für die Vertretung des Deutschen Reiches auf Weltausstellungen in Melbourne und Chicago.
Obwohl er sein Leben lang unter Schwindelanfällen litt, wurde er später einer der bedeutendsten Staatssekretäre Preußens im Reichsschatzamt. Bereits damals zeigte er sich kompromisslos – auch gegenüber der Macht. Am 12. Mai 1912 wählte die Stadtverordnetenversammlung Berlins, mit sozialdemokratischer Mehrheit, den parteilosen Beamten zum neuen Oberbürgermeister. 1920 wurde Wermuth erneut gewählt. In diesem Jahr führten Arbeiterstreiks in Berlin zu politischem Druck, der von bürgerlichen Parteien genutzt wurde, um den parteilosen Bürgermeister anzugreifen. Auch Teile der Sozialdemokraten versagten ihm die Unterstützung, und so trat Adolf Wermuth im November 1920 zurück.
Während seiner Amtszeit führte er Berlin jedoch durch eine der schwierigsten Phasen seiner Geschichte: durch den Ersten Weltkrieg und den Hunger. Am Ende seiner Amtszeit gelang ihm etwas, woran alle seine Vorgänger gescheitert waren: Er vereinte das alte Berlin mit den umliegenden Gemeinden wie Charlottenburg, Spandau, Köpenick, Reinickendorf und Pankow. So entstand eine neue Metropole mit fast vier Millionen Einwohnern.
Die Gründe für die Vereinigung

Nur wenige kennen heute seinen Namen. Wermuth war keine schillernde Figur, sondern ein pragmatischer Realist, der ein Projekt umsetzte, das bis heute Diskussionen auslöst. Es gibt nur wenige Fotografien von ihm, und fast keine Dokumente. Das Wichtigste, was er hinterließ, war seine Autobiografie „Ein Leben im Staatsdienst“ aus dem Jahr 1922. Da er parteilos war, fehlte ihm eine Lobby, die für die Anerkennung seiner Leistungen eintrat.
Durch das Gesetz vergrößerte sich die Fläche der Stadt um das 13-Fache. Berlin wurde zur drittbevölkerungsreichsten Stadt der Welt, hinter London und New York.
Die Industrialisierung hatte in den vorherigen Jahrzehnten zu einem unkontrollierten Wachstum Berlins geführt. Um 1800 lebten etwa 200.000 Menschen in Berlin, 1910 waren es fast zwei Millionen. Gleichzeitig blieb die Stadtfläche nahezu unverändert. Sie umfasste nur die heutigen Bezirke Mitte, Tiergarten, Wedding, Friedrichshain, Kreuzberg und Prenzlauer Berg. Auch die umliegenden Städte und Gemeinden erlebten ein rasantes Wachstum: Wilmersdorf hatte 1875 noch 2.367 Einwohner, 1910 waren es bereits 109.716.
Die Zuwanderer arbeiteten meist als Fabrikarbeiter, Tagelöhner oder Dienstboten. Über 600.000 Berliner lebten in Wohnungen, in denen mehr als fünf Personen pro Zimmer untergebracht waren. Wer es sich leisten konnte, zog in eine der angrenzenden Gemeinden, vorzugsweise in die wohlhabenden Wohngebiete im Südwesten.
Doch auch dort herrschten Probleme. Die umliegenden Gemeinden kooperierten nicht, sondern konkurrierten miteinander. Allein im Hauptstadtgebiet gab es 17 Wasserwerke, 40 Gaswerke, 60 Abwasserunternehmen und 15 Elektrizitätsversorger, da fast jede Gemeinde ihr eigenes System aufgebaut hatte.
Die Entstehung der Großstadt

Adolf Wermuths Mission war es, dieser Anarchie ein Ende zu setzen. Als qualifizierter Jurist hatte er fast drei Jahrzehnte im Reichsinnenministerium und im preußischen Innenministerium in Berlin gearbeitet. Dort war er an der Gründung des Deutschen Wetterdienstes beteiligt und führte neue Vorschriften für Maße und Gewichte ein, die Begriffe wie Pfund und Lot durch Gramm und Kilogramm ersetzten. Nun war Berlin an der Reihe.
Mit der gleichen Kompromisslosigkeit verfolgte er die Vereinigung Berlins mit den umliegenden Gemeinden, nachdem er 1912 Bürgermeister geworden war.
Schließlich wurde Groß-Berlin geschaffen – wenn auch erst nach zwei Jahrzehnten. 94 Gemeinden vereinigten sich, darunter acht Städte: Berlin, Charlottenburg, Köpenick, Lichtenberg, Neukölln, Schöneberg, Spandau und Wilmersdorf. Hinzu kamen 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirke. Groß-Berlin wurde in 20 Bezirke unterteilt, deren Grenzen in ihrer Grundstruktur bis heute bestehen.
Die treibende Kraft hinter dieser Megafusion war Adolf Wermuth. Ohne ihn wäre Groß-Berlin wohl nur eine Vision geblieben – ähnlich wie „Grand Paris“, das trotz zahlreicher Versuche nie Realität wurde. Wermuth war die richtige Person zur richtigen Zeit am richtigen Ort.