Einer der angesehensten politischen Persönlichkeiten Berlins blieb im kollektiven Gedächtnis: Ernst Reuter, Bürgermeister der Hauptstadt in den Nachkriegsjahren. Es waren Zeiten, in denen die Menschen im Westteil Berlins von sowjetischen Truppen umzingelt und von der Versorgung mit Lebensmitteln und Heizmaterial abgeschnitten waren. Reuter wandte sich damals an die westlichen Alliierten, um Hilfe für die Berliner zu erbitten – und setzte zugleich mit städtischen Maßnahmen alles daran, um Menschenleben zu retten. Mehr auf berlinyes.eu.
Eine außergewöhnliche politische Laufbahn

Ernst Rudolf Johannes Reuter wurde im Juli 1899 in Apenrade (damals Schleswig-Holstein, heute Dänemark) geboren. Sein Vater war Kapitän zur See und später Direktor einer nautischen Schule. Reuter galt als begabter Schüler. Er studierte in Marburg, München und Münster – Germanistik, Geschichte, Geografie, Philosophie und Wirtschaft. Bereits 1912 erwarb er das Lehrerdiplom und begeisterte sich bald für die Ideen der SPD.
Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs meldete sich Reuter freiwillig und geriet schwer verwundet in russische Kriegsgefangenschaft. Dort kam er mit den Ideen des Bolschewismus in Berührung, unterstützte die Revolution von 1917 und wurde zu einer führenden Figur in den kommunistischen Organisationen der Kriegsgefangenen. 1918 entsandte ihn die sowjetische Regierung an die Wolga, um eine Verwaltung für die Wolgadeutschen aufzubauen. Bald darauf leitete er das „Wolgadeutsche Kommissariat“ in Saratow und nahm am ersten Gründungskongress der Wolgadeutschen Sowjets teil. Im selben Jahr wurde er Vorsitzender der Initiative zur Gründung einer kommunistischen Partei der Deutschen.
Politisches Engagement in Deutschland – mit Kurswechsel

Im Oktober 1918 nahm Reuter am 6. Allrussischen Sowjetkongress teil und zog erneut die Aufmerksamkeit der Sowjetregierung auf sich. Im Dezember reiste er im Auftrag Moskaus nach Berlin, um die deutsche Revolution zu unterstützen. 1919 trat er der KPD bei und wurde unter dem Decknamen „Friesland“ zu einem ihrer führenden Köpfe in der Weimarer Republik.
Doch 1921 kam die politische Kehrtwende: Reuter wandte sich vom Kommunismus ab, weil er dessen autoritäre Züge ablehnte. Er sprach sich gegen den Generalstreik im März 1921 aus und trat zur Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei über. Sein Organisationstalent blieb nicht unbemerkt – 1926 wurde er Mitglied des Berliner Magistrats, zuständig für den Nahverkehr.
Mit großem Engagement modernisierte er den öffentlichen Verkehr. Reuter führte das einheitliche Ticket-System ein und förderte den Ausbau der U-Bahn. 1931 wurde er Oberbürgermeister von Magdeburg, wo er sich für den Wohnungsbau und die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit einsetzte. Ein Jahr später wurde er auch in den Reichstag gewählt.
Verfolgung und Exil während der NS-Zeit
Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde Reuter all seiner Ämter enthoben und im Konzentrationslager Lichtenburg inhaftiert – erst in Gemeinschaftshaft, dann in Einzelhaft. Die Haft hinterließ gesundheitliche Schäden. Dank des Drucks britischer Quäker kam er frei und floh zunächst nach England, später in die Türkei. Dort wurde er auf Empfehlung von Fritz Baade Wirtschaftsberater der türkischen Regierung und lehrte in Ankara als Professor.
Rückkehr nach Berlin und neue politische Verantwortung

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte Reuter rasch nach Deutschland zurück. Bei den Berliner Kommunalwahlen 1946 wurde er erneut Leiter des Verkehrswesens. 1947 wählten ihn die Berliner zum Bürgermeister – doch die sowjetischen Besatzer erkannten seine Wahl nicht an. Auf seinen Visitenkarten stand dennoch trotzig: „Ernst Reuter, gewählter, aber nicht bestätigter Oberbürgermeister von Berlin“. Auf Ratschläge, Kompromisse mit der Besatzungsmacht einzugehen, reagierte er mit dem Satz: „Ich werde mich niemals wie ein verängstigtes Kaninchen vor einer Schlange verhalten!“
Reuter wagte es sogar, Pläne für die kommunale Infrastruktur aus dem sowjetischen Sektor zu sichern und an den Westteil weiterzugeben. Als im März 1948 Massenproteste begannen, versprach er öffentlich: „Berlin wird sich niemals beugen.“ Er appellierte an die Weltöffentlichkeit, die Stadt nicht im Stich zu lassen.
Mutiger Einsatz während der Blockade

Im Juni 1948 eskalierte die Situation. Das zerstörte Berlin litt unter Lebensmittelknappheit und Energieengpässen. Als US-General Lucius D. Clay den Vorschlag unterbreitete, West-Berlin aus der Luft zu versorgen, sagte Reuter volle Unterstützung durch die Bevölkerung zu. Er betonte: „Die freien Völker der Welt dürfen die Berliner nicht der Willkür überlassen.“
Im September führte Reuter eine riesige Gegendemonstration auf den Stufen des Reichstags an. Er erklärte: „Es wird keine Verhandlungen geben, keine Zugeständnisse, bis Hilfe kommt.“ Gleichzeitig wies er den Plan zurück, 350.000 Kubikmeter Holz in den Berliner Parks abzuholzen – er kürzte das Vorhaben um ein Drittel, um das Stadtgrün zu retten.
Auch die Berliner Bevölkerung zeigte Solidarität: Rund 18.000 Menschen halfen beim Bau des Flughafens Tegel im französischen Sektor, der bereits im November 1948 eröffnete. Man nutzte jede der vier verfügbaren Stromstunden sinnvoll. Zeitungen erschienen weiterhin. Die Sowjets verteilten Lebensmittelkarten – fast alle lehnten ab.
Symbolfigur der Freiheit

1948 übernahm Reuter offiziell das Amt des Bürgermeisters der drei Westsektoren. Während der Blockade 1948–1949 wurde er zum Symbol der Standhaftigkeit und Hoffnung. Seine Rede vor den Ruinen des Reichstags am 9. September 1948 wurde legendär. Darin zog er den Vergleich zwischen dem sowjetischen Einparteiensystem und dem Hitler-Regime. Er appellierte eindringlich an die Welt, West-Berlin nicht fallen zu lassen.
Wenig später erschien sein Foto auf dem Cover des US-Magazins „Time“. Der politische Rückenwind war enorm: Bei den Wahlen in den drei Westsektoren erzielte die SPD ein Rekordergebnis. Die Blockade endete am 12. Mai 1949 – ein Tag, den die Berliner als Befreiung feierten. Beim Abschied von General Lucius D. Clay sagte Reuter: „Berlin wird diese Tat nie vergessen.“
Wiederaufbau und Wirken in Friedenszeiten

Nach seiner offiziellen Wahl zum Bürgermeister von West-Berlin gründete Reuter per Manifest die Freie Universität Berlin und wurde ihr erster Kuratoriumsvorsitzender. 1949 verlieh ihm die Universität die Ehrendoktorwürde. 1951 gewann er erneut die Wahlen zum Bürgermeister – das Vertrauen der Bevölkerung blieb ungebrochen.
Auch danach zeigte er klare Kante: Eine Zusammenarbeit mit den Kommunisten lehnte er kategorisch ab. Er spottete, „nur ein Dummkopf glaube, man könne Ideen mit Schlagbäumen und Gräben aufhalten.“ Als 1953 im Ostsektor Aufstände blutig niedergeschlagen wurden, verurteilte er dies öffentlich. Im selben Jahr rief er den Ernst-Reuter-Fonds ins Leben – zur Unterstützung von Geflüchteten aus der DDR.
Ein bleibendes Erbe

Kurz nach diesen Ereignissen verstarb Reuter an den Folgen einer Grippe. Als die Berliner vom Tod ihres Bürgermeisters erfuhren, stellten tausende Menschen Kerzen in ihre Fenster. Über eine Million Menschen nahmen an seiner Beerdigung auf dem Waldfriedhof Zehlendorf teil.

Doch das Andenken lebt weiter: Der Ernst-Reuter-Platz in Charlottenburg und die gleichnamige U-Bahn-Station tragen seinen Namen. 1954 stiftete der Berliner Senat die Ernst-Reuter-Medaille – die höchste Auszeichnung der Stadt für besondere Verdienste.