Montag, Februar 23, 2026

Der Mord am Bülowplatz – die Strafe kam erst nach 60 Jahren

In der Geschichte der Berliner Verbrechen nimmt der Mord am Bülowplatz einen besonderen Platz ein. So nannten die Berliner die Bluttat vom 9. August 1931, bei der die Polizisten Paul Anlauf und Franz Lenck erschossen wurden. Die Tat war eine Racheaktion kommunistischer Kreise für die Tötung ihres Genossen Fritz Auge. Zwar wurden die Täter bald identifiziert, doch die Strafe erreichte einen von ihnen erst Jahrzehnte später. Den anderen ereilte das Schicksal. Mehr auf berlinyes.eu.

Berlin im Sommer 1931

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts unterhielt die Sowjetunion ein weit verzweigtes Netz aus Agenten und Spionen in Europa, besonders im politisch nahestehenden Deutschland. In Berlin waren kommunistische Parteistrukturen aktiv. In der späten Weimarer Republik eskalierte die Lage zunehmend. Im Sommer 1931 initiierten Nazis und Kommunisten gemeinsam ein Referendum zur Auflösung des Preußischen Landtags – einer „Bastion der Demokratie“, die beide Seiten als Hindernis auf dem Weg zur Macht betrachteten.

Am 8. August kam es auf dem Bülowplatz zu Ausschreitungen. Dabei erschoss ein Polizist den 19-jährigen Klempner und Kommunistenanhänger Fritz Auge. Die Partei beschloss umgehend Rache. Noch in der Nacht erschienen an den Hauswänden Drohungen wie: „Für jeden erschossenen Arbeiter zwei Offiziere!“ und „Für jeden Kommunisten zwei Polizisten!“ Die Polizei war gewarnt und hielt sich am 9. August in Alarmbereitschaft. Doch der Anschlag konnte nicht verhindert werden.

Die Täter

Wie sich später herausstellte, wurden die Pläne zur Rache von den Reichstagsabgeordneten Hans Kippenberger und Heinz Neumann geschmiedet. Sie wandten sich an den Leiter der kommunistischen Schutzformation in Wedding, Michael Klause, mit Unterstützung von Walter Ulbricht, dem politischen Leiter der KPD im Bezirk Berlin-Brandenburg. Das Treffen mit Klause fand in einem Hinterzimmer der Kneipe „Lassant“ statt. Laut Zeugenaussagen soll Ulbricht geraten haben, gezielt in den Kopf zu schießen, um sicher zu töten. Als Ziel wurde der bekannte Polizeioberkommissar Paul Anlauf ausgewählt.

Die Tat übernahmen die KPD-Mitglieder Erich Mielke und Erich Ziemer. Beide gehörten zur bewaffneten Parteigruppe. Klause stellte zudem fünf weitere Männer ab, um die Flucht abzusichern. Der Plan war einfach: Anlauf sollte auf dem Bülowplatz beim Streifengang abgepasst und erschossen werden.

Der Anschlag

Foto: Karl-Liebknecht-Haus, Berlin 1930

Am Abend des 9. August erwartete die Polizei eine Demonstration anlässlich des gescheiterten Referendums. Paul Anlauf, Franz Lenck und August Willig patrouillierten zwischen der Polizeiwache in der Gangkofstraße und der Weddinger Straße. Beim Karl-Liebknecht-Haus trafen sie auf ihren Kollegen Burkert, der empfahl, Verstärkung anzufordern, da sich auf dem Platz bereits rund hundert aggressive Personen versammelt hatten.

Als die Beamten zurückkehren wollten, lauerten ihnen Mielke und Ziemer auf. In der Nähe des Kinos „Babylon“ wurden die Polizisten angepöbelt. Willig griff zur Waffe, konnte jedoch nicht rechtzeitig reagieren. Aus rund fünf Metern Entfernung schossen die Täter dem Streifenteam in den Rücken. Anlauf war sofort tot. Lenck, schwer verletzt, schleppte sich bis zum Kinoeingang, wo er wenig später starb. Willig wurde in den Bauch und in den Arm getroffen, versuchte noch zurückzuschießen, traf jedoch versehentlich Passanten.

Chaos und Ermittlungen

Foto: Beerdigung der ermordeten Polizisten

Polizisten in der Nähe hielten den Angriff für eine große Offensive und begannen, wild um sich zu schießen. Verstärkung rückte an, Dutzende Verdächtige wurden auf der Straße und im Kino festgenommen. Die Polizei durchsuchte angrenzende Gebäude. Um Mitternacht wurde das Karl-Liebknecht-Haus umstellt, am Morgen beschlagnahmten die Beamten die Parteikartei und die neueste Ausgabe der „Roten Fahne“. Doch Mielke und Ziemer waren längst verschwunden, später flohen sie nach Moskau.

Einziger Verdächtiger war zunächst Max Thunert, den man in einem Wasserfass entdeckt hatte. Der Fall geriet ins Stocken – bis zur Machtübernahme der Nazis 1933. Die neue Führung ordnete die Untersuchung an, Kriminaldirektor Ernst Gennat leitete die Ermittlungen. In einem intensiven Verhör identifizierte Thunert die Täter.

Der lange Weg zur Gerechtigkeit

Im April 1933 erließ das Berliner Gericht Haftbefehle gegen Mielke und Ziemer. Beide waren untergetaucht. Klause wurde verhaftet, gefoltert und gestand die Tat sowie die Beteiligung anderer. Alle Beteiligten erhielten Todesurteile. Klause wandte sich an Hitler und erhielt eine Begnadigung zu lebenslanger Haft.

1947 wurde der Haftbefehl gegen Mielke erneuert. Doch die sowjetische Besatzungsmacht beschlagnahmte die Akten. Nur im Westen Berlins blieb der Befehl bestehen.

Mielke bestritt seine Beteiligung nie. In der DDR hieß es, die Anstifter Neumann und Kippenberger trügen die Schuld. Beide waren ebenfalls nach Moskau geflohen und fielen dort 1937 den stalinistischen Säuberungen zum Opfer. Die Aktion wurde offiziell als „parteischädlich“ eingestuft.

Der Aufstieg des Erich Mielke

Beide Schützen flohen in die Sowjetunion. Ziemer starb 1937 in Spanien. Mielkes Karriere hingegen begann erst richtig: Er studierte an der Leninschule der Komintern, wurde Dozent für Militärpolitik und kämpfte im spanischen Bürgerkrieg. Später reiste er im Geheimauftrag nach Belgien, wurde dort interniert, entkam und kehrte erst 1945 nach Berlin zurück.

In Ost-Berlin stieg er rasch auf: Ab 1945 leitete er das Polizeirevier Lichtenberg, 1957 wurde er Minister für Staatssicherheit der DDR. 1987 ehrte ihn die Sowjetunion mit dem Titel Held der Sowjetunion. Kritiker vermuteten, der Mord am Bülowplatz war der Ursprung seiner Karriere.

Der Prozess nach 60 Jahren

Foto: Erich Mielke und Erich Honecker

Im November 1989 trat Mielke zurück. Im Dezember wurde er verhaftet. 1992 begann der Prozess. Die Anklage stützte sich auf Aussagen und Akten von 1934. Mielkes Verteidigung argumentierte, Unterlagen aus einer Diktatur seien nicht zulässig. Doch das Gericht wies das zurück.

Mit 85 Jahren wurde Mielke zu sechs Jahren Haft verurteilt – wegen doppelten Mordes. Die milde Strafe wurde mit der langen Zeitspanne begründet. Er saß fünf Jahre ab, meist in einer Gefängnisklinik, und wurde 1995 vorzeitig entlassen. Der Polizistenmörder starb mit 93 Jahren in Berlin – dort, wo alles begonnen hatte.

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